Shemi Mohamed lachend web

„Du bist der erste Israeli, dem ich die Hand gebe.“

Einblicke in einen Nahost-Workshop mit Mohamed Ibrahim und Shemi Shabat

Tamer* ist Leiter der israelischen Delegation. Zunächst wollte er die Rolle nicht so gerne übernehmen „ich spiel doch keinen Juden“. Aber sein bester Freund hat ihm gut zugeredet. Jetzt findet Tamer es eigentlich ganz spannend, die Verhandlungen mit den Palästinensern beim UNO-Friedensgipfel zu führen, obwohl ihn sonst Politik nach eigenem Bekunden überhaupt nicht interessiert. Büsra ist die Vorsitzende der UNO und ruft die einzelnen Parteien hin und wieder streng zu Ordnung und Ruhe, was ihr sichtlich Spaß macht. Während Raed, Anführer der deutschen Delegation, sich noch mit der amerikanischen Delegation verständigt, wollen die Iraner unter der Leitung von Ömer endlich ihre Positionen vortragen. „Wir müssen den palästinensischen Staat schützen.“ Aber Politik ist ein zähes Geschäft. Auch das lernen die Schüler und Schülerinnen der Klasse 10 c einer Weddinger Oberschule in dem dreitägigen Nahost-Workshop.

Zuvor haben die Workshopleiter Shemi und Mohamed den Jugendlichen die verschiedenen Positionen im Nahost-Konflikt nochmal genau erklärt und auch einen politisch-historischen Abriss über die Entwicklungen der letzten einhundert Jahre gegeben. Die 25-köpfige Klasse besteht zur Hälfte aus Kindern mit arabischen Wurzeln, davon sechs PalästinenserInnen und zur Hälfte aus Kindern mit türkischen Wurzeln davon drei KurdInnen. Ein Junge hat eine polnische Migrationsgeschichte. Mohamed, von Haus aus Diplom-Politologe, erklärt ihnen die Lage der Juden, die im 19. Jahrhundert in Europa in Ghettos lebten, unter Ausgrenzung litten und Pogromen ausgesetzt waren. „Was würdet ihr machen, wenn ihr Juden wärt?“ Die SchülerInnen schauen nachdenklich drein. „Ich würde abhauen, und zwar schnell“, sagt einer. „Was?“, staunt ein anderer, „du bist doch da geboren, wo willst du hin? Ich würde kämpfen!“ „Ich würde mich mit anderen Juden zusammentun und mich wehren“, schlägt eine dritte vor. „Genau diese Diskussion, die ihr gerade führt, führten die Juden damals auch“, erklärt ihnen Mohamed. Der interaktive Vortrag der beiden Trainer setzt unglaublich viel Energie frei, die die KlassenlehrerInnen immer wieder erstaunt. „Im Schulunterricht gibt es nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit und Konzentration wie an den Workshoptagen. Manchmal arbeiten die sogar die Pause durch, weil es gerade so spannend ist. Ich lerne meine Schüler so nochmal ganz neu kennen“, staunt Frau Kuhlmann, die Klassenlehrerin.

Lauter Nahost-Experten

Meistens haben die Jugendlichen viel zum Thema beizutragen und die Trainer geben ihnen den Raum, ihre Geschichten zu erzählen. Berührend wird es vor allem dann, wenn sie den Krieg** aus eigener Anschauung kennen oder Angehörige verloren haben. Der unscheinbare Tarek mit den mittelmäßigen Noten wird so plötzlich zum Nahost-Experten, den sowohl MitschülerInnen als auch die Klassenlehrerin mit anderen Augen sehen können. Oder Berrin, die zum ersten Mal offen über ihre kurdische Herkunft spricht. „Ihr denkt immer nur, ich wäre PKK, aber kurdisch sein heißt noch viel mehr.“ Ein häufiger Grund, warum Lehrpersonal die Nahost-Workshops bucht, sind die massiven Vorurteile der Jugendlichen gegenüber Israel und den Juden. „Jude“ ist eines der häufigsten Schimpfwörter an Weddinger Schulen. Aber auch der türkisch-kurdische Konflikt ist in vielen Klassen ein Grund für Reibereien unter den SchülerInnen. „Unser Workshop ist daher immer auch ein Workshop über den Umgang mit Konflikten ganz allgemein“, sagt Shemi, Erziehungswissenschaftler und Soziologe. „Wenn wir merken, da ist was am brodeln, können wir auch kurzfristig unser Konzept anpassen und über andere Konflikte oder einen Streit in der Klasse diskutieren.“ Konflikte, ob politisch, persönlich oder familiär, ähneln sich in vielerlei Hinsicht, z. B. was die Stufen der Eskalation und Deeskalation betrifft. Die Jungen und Mädchen lernen, dass man am besten einen Konflikt angeht, indem man kommuniziert, seine Bedürfnisse artikuliert und darüber spricht, was einen stört.

Tamer hat inzwischen auf dem Flipchart ziemlich überzeugend die Verhandlungsposition des Staates Israel skizziert. Er hat auch nicht versäumt, auf die historische Verantwortung der Staatengemeinschaft hinzuweisen und das Recht der Juden auf einen eigenen Staat. Ganz wie in der realen Politik hat er sich die amerikanische Delegation als Verbündete gesucht und auch an die Adresse der deutschen Vermittler schickt er den Appell der historischen Verantwortung. Shemi und Mohamed sind begeistert. „Die meisten schaffen es, sich sehr gut in ihre Rolle einzufühlen und spielen dann sogar überzeugend, obwohl sie die Positionen im Grunde ablehnen. Während sie spielen, verstehen sie plötzlich viel besser, worum es in dem Konflikt geht, wie komplex und vielschichtig die Situation tatsächlich ist und wo die Lösung liegen könnte.“ Doch auch die SchülerInnen sind begeistert. „Wir können unsere Meinung frei äußern und keiner hält sofort dagegen“, sagt Büsra. „Und wir haben die Möglichkeit, den Konflikt von allen Seiten zu betrachten. Das haben wir so nie gelernt.“ Ein Nebeneffekt des sogenannten Simulationsspiels ist es, dass die Jugendlichen das Präsentieren lernen, was ihnen wiederum bei ihrem Mittelschulabschluss von Nutzen sein wird.

Ein Israeli und ein Palästinenser in einem Team

Für die Jugendlichen ist es, mit all ihren Vorurteilen, die sie von zuhause mitbringen oder auf der Straße aufsammeln, eine kleine Sensation, wenn sich Shemi und Mohamed vorstellen und ihre Geschichte erzählen. Shemi stammt aus einer Familie sogenannter Arabischer Juden, die in den fünfziger Jahren aus dem Irak nach Israel eingewandert sind. Sein Großvater war im Irak Rabbi und führte dort Beschneidungen und Schächtungen sowohl für Juden als auch für Moslems durch. In Israel wurden seine Erfahrungen und Befugnis vom eher europäisch geprägten Staat nicht anerkannt, wodurch er Schwierigkeiten bekam, eine Arbeit zu finden. Mohameds Eltern wuchsen in einem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon auf, dort ist er auch geboren. Mit vier Jahren konnte er mit seinen Eltern und seinen Geschwistern über die DDR nach Westdeutschland ausreisen. Ein Grund für die Eltern auszureisen, war der arabische Bürgerkrieg und der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis. „Hinzu kam, dass man es als Palästinenser im Libanon nicht leicht hat. Von vielen Berufen sind wir ausgeschlossen“, sagt Mohamed. Die Familiengeschichten der beiden Männer weisen viele Gemeinsamkeiten auf und geben die Situation im Nahen Osten auf eine sehr persönliche Weise wider. Zwei Erkenntnisse prägen die SchülerInnen nachhaltig, nachdem sie Shemi und Mohamed kennengelernt haben. Erstens, dass es möglich ist, dass Israelis und Palästinenser/Juden und Moslems zusammenarbeiten und gemeinsam etwas erreichen können. Und zweitens, dass es viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen den Religionen und den Kulturen gibt, als sie dachten.

Mohamed war bis zu seinem 18. Lebensjahr staatenlos, seit 1991 hat er einen deutschen Pass. Könnte er diese Workshops auch so gut machen, wenn er weniger Abstand zu Palästina und Libanon hätte? „Ich denke, nein. Meine Eltern haben mich zwar als Palästinenser erzogen, aber ich bin jetzt lange genug hier, um mich auch als Deutscher zu fühlen und die unterschiedlichen Positionen reflektiert zu betrachten.“ Shemi kam vor sechs Jahren nach Deutschland und hat bereits in Israel Erfahrungen mit politischer Bildung und Workshops gemacht, die den Nahost-Konflikt zum Thema haben. Als Israeli und Jude ist er derjenige im Team, der zunächst die Aufmerksamkeit und vor allem die Ressentiments auf sich zieht. Wie die von Tamer, der zu Beginn des Workshops keinen Israeli spielen wollte, ja am liebsten nicht mal in einem Raum mit einem Juden sein wollte.

Büsra hat als Vorsitzende der UNO gelernt, wie schwierig es ist, die unterschiedlichen Positionen miteinander zu vereinbaren. Die amerikanische Delegation will wissen, „warum ihr Palästinenser immer sofort zum Terror greift“. Und Raed, der einen Deutschen gespielt hat, sagt, „ich verstehe jetzt, was die Shoah für die Juden bedeutet und warum sie so für ihren Staat kämpfen.“ Die Jugendlichen lernen, entgegengesetzte Standpunkte anzuhören und auszuhalten, aber auch eigene Argumente für ihre Position zu finden. Keine Meinung wird von vornherein ausgegrenzt. Was bedeutet diese Arbeit für die Trainer? „Ich kann hier etwas weitergeben, was ich zuhause gelernt habe“, sagt Mohamed. „Nicht in Schubladen zu denken. Und authentisch zu sein, sich nicht zu verstellen. Das merken die Jugendlichen.“ Shemi lächelt. „Wir genießen das. Seit ein paar Jahren arbeiten wir zusammen und wir sind auch befreundet. An der Reaktion der SchülerInnen merken wir, dass wir sie motivieren. Und die SchülerInnen fühlen sich ernstgenommen. Das ist in der Schule nicht immer so.“ Am Ende des dritten Workshoptages kommt Tamer auf Shemi zu. „Du bist der erste Israeli, dem ich die Hand gebe.“ Am Ende umarmen sie sich.

* Alle Namen, mit Ausnahme die der Trainer, wurden von der Redaktion geändert.

** 2. Libanon-Krieg, 2006

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