andreas hofer

Interview mit Andreas Hofer, AKT®-Trainer bei Violence Prevention Network

 

Bevor Du zu Violence Prevention Network gekommen bist, hast Du 5 Jahre in einer geschlossenen Einrichtung mit gewalttätigen Jugendlichen gearbeitet. Wie sieht der Aufenthalt in so einer Einrichtung aus?

Die Jugendlichen wurden auf Anordnung des Familiengerichts zugewiesen, es war eine geschlossene Unterbringung im Rahmen einer Jugendhilfemaßnahme laut BGB§ 1631b und SGB VIII § 42– für die Jugendlichen stellte es sich als eine Zwangsmaßnahme da. In die Einrichtung wurden Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren eingewiesen. Dabei handelte es sich hauptsächlich um Jugendliche, die als Intensivtäter eingestuft wurden und mit den offenen Angeboten der Jugendhilfe nicht erreichbar waren. In der Einrichtung sind maximal 12 Jugendliche untergebracht, in zwei Gruppen mit je sechs Plätzen. Die maximale Aufenthaltsdauer betrug ein Jahr. Der Tagesablauf begann um 6:30 Uhr mit Wecken. Nach dem gemeinsamen Frühstück gab es vier Stunden Schulunterricht, der von zwei Lehrern geleitet wurde. Nach dem gemeinsamen Mittagessen um 12:30 Uhr gab es eine Ruhe- und Hausaufgabenzeit. Ab 14:30 gab es ein strukturiertes Freizeitangebot, mit Sport, Gartenarbeit und handwerklichen Arbeiten. Ab 17:00 Uhr wurde gereinigt, Wäsche waschen und andere Dinge erledigt. Fernseher und sonstige Ablenkung wie Playstation oder CD-Player gab es nur begrenzt. Letztendlich bestand das Ziel darin, durch feste Abläufe Sicherheit und Ruhe zu schaffen, um eine Öffnung für pädagogische Arbeit zu ermöglichen. Wenn das gelingt, kann eine bedingte Bindungsfähigkeit hergestellt werden, im Zuge derer es möglich ist, die Straftaten der Jungs in Einzelgesprächen oder in Gruppensitzungen aufzuarbeiten.

Nach welcher Methode habt Ihr da gearbeitet?

Die Tataufarbeitung wurde in Anlehnung an das Anti-Aggressivitäts-Training® durchgeführt, das ich im Studium bei Prof. Weidner kennengelernt hatte, und das wir etwas modifiziert hatten. Dabei wurde mir jedoch immer bewusster, das dieses Konzept nach meinem Empfinden Mängel aufweist: Auf der einen Seite versuche ich mit viel Mühe, den Jugendlichen dahin zu bewegen, eine bedingte Vertrauensperson in mir zu sehen, andererseits kommt es in der Gruppensitzung in der Phase des Heißen Stuhls zu Demütigungen und Bloßstellungen. Das führt natürlich bei den Jugendlichen zu Verunsicherung und erzeugt neue Wut, weil sie die Doppeldeutigkeit meiner Person nicht verstehen.


Wie kann ich mir so eine demütigende Tataufarbeitung vorstellen?

Ein Beispiel: Ein Jugendlicher hat in der Toilette, die ein geschützter Raum war und nicht von den Betreuern kontrolliert wurde, einem anderen aufgelauert. Er drangsaliert ihn mit Tritten und Schlägen, um etwas von ihm zu erpressen. Das Opfer hat das den Betreuern gemeldet und andere Jugendliche haben es bezeugt. Im Verlauf der Gruppensitzung, die wir umgehend einberufen haben, wurde der Täter konfrontativ befragt, auch die Methode Heißer Stuhl kam zum Einsatz. Der Jugendliche wurde durch seine exponierte Sitzposition und durch zum Teil gespielt konfrontatives Auftreten der Betreuer verunsichert. Er sollte durch gezielte Fragen und durch die Gruppendynamik dazu gebracht werden, die Schwere seiner Tat einzusehen. Er wurde immer wieder von den Betreuern und auch den Gruppenmitgliedern wie in einem Kreuzverhör befragt, warum er es getan habe, dass er die Tat einsehen solle und welch Schwere diese Tat habe. Der Tonfall wurde immer lauter und aggressiver, zum Teil gab es auch körperliche Kontakte. Solche Gruppensitzungen waren ohne Zeitbegrenzung, meist wurden sie von den Jugendlichen abgebrochen, weil sie den Druck nicht ertragen konnten.


Was hat Dich letztendlich von der konfrontativen Methode abgebracht?

Es folgte fast immer eine Abwehrreaktion, was den Kontakt zu den Jugendlichen durch eine Störung belastete. Das mühsam erarbeitet Vertrauensverhältnis musste erneut aufgebaut werden. Der erwünschte Effekt, sein Unrechtsbewusstsein zu schulen, ihn zu der Erkenntnis zu bringen, wie schlimm seine Tat ist, blieb meist aus. Der Jugendliche hat nicht den Raum, sich einzubringen, seine Tat selbst zu erarbeiten und zu verstehen, warum es dazu gekommen ist. Stattdessen baut er, während er auf dem Heißen Stuhl sitzt, einen enormen Druck auf. Bei einigen Jugendlichen hat diese Art der Gruppensitzung letztendlich zu einem verzögerten Gewaltausbruch oder Selbstverletzung geführt. In diesem geschlossenen und begleiteten Rahmen in denen ich diese Settings gemacht habe, gab es zwar 24 Stunden lang einen Betreuer, aber die Vorwürfe der Jugendlichen - „Sie haben mich doch angebrüllt! Sie haben mich doch bloßgestellt!“,- machten mir deutlich, dass ein konfrontatives Arbeiten ein Arbeiten gegeneinander bedeutet. Ich habe mich damals gefragt, was passiert eigentlich nach so einer Konfrontation, wenn solche Trainings ambulant oder im Haftbereich gemacht werden, wo die Jugendlichen nach einer Sitzung allein nach Hause gehen oder allein, ohne pädagogisches Personal, in ihren Haftraum zurück kehren? Da ist mir klar geworden, dass ich so nicht mehr arbeiten möchte. Ich bin dann auch zunehmend abgerückt von der konfrontativen Art, habe eher moderierend gearbeitet und viel stärker Einzelgespräche mit den Betroffenen geführt.

 

Wie bist Du dann auf Violence Prevention Network gestoßen und was lief da anders?

Nachdem ich 2008 dort aufgehört hatte, habe ich im Kinder- und Jugendnotdienst der Stadt gearbeitet. Bei dieser Arbeit fand kaum noch Beziehungsarbeit statt, es ging um kurzfristige Kriseninterventionen. Da ich mich weiterhin für die Arbeit mit straffälligen und aggressiven Jugendlichen interessiert habe, habe ich eine Weiterbildung zum Aggressions- und Kommunikationstrainer gemacht. Als mir dann bei einem Kontakt ein Trainer von Violence Prevention Network das Konzept des AKT®-Trainings erläutert hat, hatte ich für mich ein alternatives Konzept der Anti-Gewalt-Arbeit gefunden. Was mich überzeugte, war der Verzicht auf demütigende und konfrontative Elemente. Ich kann mich noch genau an die erste Gewaltsitzung in der JVA Billwerder erinnern. Der Teilnehmer stellte seine Tat so da, als wäre er nur ein unbeteiligter Zuschauer gewesen, dieses Abwehr- und Rechtfertigungsverhalten kannte ich sehr genau. Es lief jedoch durch ruhiges schildern, spiegeln und hinterfragen durch die Trainer Thomas und Willy anders ab als ich es aus dem Anti-Aggressivitäts-Training® kannte. Der Teilnehmer wurde durch gezielte und genauste Fragetechnik dazu gebracht, seine Tat als Tat anzuerkennen und seine Mitschuld war nicht mehr ab streitbar. Dieser Prozess der Tataufarbeitung war beeindruckend, der Teilnehmer hatte sich immer mehr in Widersprüche verstrickt. Am Ende musste er – freiwillig - einsehen, dass er sehr wohl an der Tat beteiligt war und er hatte sich, nach meiner Meinung, intensiver mit seiner Tat beschäftigt, als wenn diese Tataufarbeitung auf konfrontativen Ebene geführt worden wäre.

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