TRIAS Berlin

Neue Wege der multiprofessionellen Kooperation in der Extremismusprävention

TRIAS Berlin schlägt die Brücke zwischen der Extremismusprävention und dem Gesundheitswesen und erschließt neue Wege der Zusammenarbeit. Das Projekt besteht aus den zwei Säulen TRIAS Psychotherapeutische Distanzierungs- und Ausstiegsbegleitung und TRIAS Community.

TRIAS Psychotherapeutische Distanzierungs- und Ausstiegsbegleitung: Die Unterstützung bei Fragen psychischer Gesundheit ist in der Distanzierungs- und Ausstiegsbegleitung ein wichtiges Element. Wir haben daher ein Modell entwickelt, wie psychologische Psychotherapeut*innen in die Arbeit mit Klient*innen und ihren Familien einbezogen werden können. Die Orientierung dafür bietet eine Konsiliar- und Liaisontätigkeit, wie sie auch in anderen psychosozialen Bereichen etabliert ist.

TRIAS Community: Seit 2021 wird TRIAS Berlin um das eigenständige Modellprojekt TRIAS Community erweitert. Damit gehört TRIAS Community zu insgesamt sechs „Modellkommunen Deradikalisierung“ (MoDeRad), die bundesweit vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat zur Entwicklung kommunaler Maßnahmen und Netzwerke gefördert werden. TRIAS Community konzentriert sich auf den kommunalen Kapazitätsaufbau und die Vernetzung zwischen der Tertiärprävention und Medizin- und Heilberufen in Berlin.

Bestandteile des Berliner Modells

Kontakt- und Anlaufstelle
Violence Prevention Network richtet eine psychotherapeutische Kontakt- und Anlaufstelle ein, welche den Sozialpädagog*innen bei Bedarf konsiliarische Fallhilfen anbietet. Zudem wird das Arbeitsfeld einer psychotherapeutisch unterstützten Distanzierungs- und Ausstiegshilfe sowie Familienberatung entwickelt. Diese hält ein Sprechstundenangebot vor und führt Akuthilfen oder Kurzzeittherapien durch. Bei Bedarf findet eine Vermittlung in länger angelegte Psychotherapien statt.

Multiprofessionelles Netzwerk
Die Kontakt- und Anlaufstelle arbeitet mit einem Netzwerk ambulant und stationär tätiger Psychotherapeut*innen zusammen, das bedarfsorientiert weiter ausgebaut wird. Kolleg*innen aus dem Netzwerk begleiten die Arbeit, indem sie an den Qualitätsstandards mitwirken, in berufsrechtlichen Fragen beraten, Intervisions- und Supervisionsmöglichkeiten anbieten sowie bei der Vermittlung in Psychotherapien helfen, z. B. durch Kontakte zu psychotherapeutischen Instituten und ihren Ambulanzen.

Patient*innen mit Radikalisierungsdynamiken
Die Mitarbeitenden im Projekt richten zudem eine Spezialsprechstunde für Psychotherapeut*innen ein, wenn diese bei ihren Patient*innen Radikalisierungsdynamiken wahrnehmen. Durch dieses Angebot wird ein Wissens- und Erfahrungstransfer möglich, der auch interdiszplinäre Aspekte einschließt. TRIAS erarbeitet Themenpapiere zu psychologischen und psychoanalytischen Grundlagen von Radikalisierung und Extremismus bzw. Aspekten der Tertiärprävention. Vom geplanten Vortragsangebot sollen neben psychotherapeutischen Instituten und Fachgesellschaften auch Akteur*innen aus der Präventionslandschaft und den Regelstrukturen profitieren können.

Fachaustausch
TRIAS bringt sich zudem in den interdisziplinären und wissenschaftlichen Fachaustausch mit Akteur*innen der Extremismusprävention und Deradikalisierung ein. Dort vertritt das Projekt sein Konzept und stellt Fachinformationen sowie Erfahrungen zur Verfügung.

Junge Menschen sitzen in Stuhlkreis zusammen
© Fotolia.com/Photographee.eu

Gesellschaftliche Notwendigkeit

Durch TRIAS Berlin wird das bisher vor allem sozialpädagogisch geprägte Unterstützungsangebot für distanzierungs- und ausstiegsbereite Personen durch einen psychologisch-psychotherapeutischen Ansatz erweitert. Anliegen von TRIAS ist es, den Prozess der Deradikalisierung und Rehabilitation durch den Zugang zu psychotherapeutischer Beratung und Behandlung zu unterstützen. An das Projekt können sich auch Familienangehörige radikalisierter junger Menschen wenden. Zudem wird auf die Notwendigkeit reagiert, für die Rehabilitation von Rückkehrer*innen mit Kindern aus den IS-Gebieten ein multiprofessionelles Angebot zu unterbreiten. Denn für ein strukturiertes Rückkehrmanagement braucht es lokale Anlaufstellen bei Psychotherapeut*innen, die fachkundige Behandlungen von traumatisierten bzw. psychisch stark belasteten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen durchführen können. Diese werden durch TRIAS in ein kollegiales Netzwerk einbezogen und erhalten bei Bedarf fachliche Beratung. TRIAS ist zudem mit dem Projekt „NEXUS – Psychologisch-therapeutisches Netzwerk Justiz und Extremismus“ verknüpft, welches mit Berliner Vollzugsanstalten und der Bewährungshilfe kooperiert.

Veranstaltungen

Das Projekt TRIAS Berlin bietet 2021 drei Online-Veranstaltungen an, in deren Zentrum der Blick zunächst auf Kindheit, Spiritualität und Gender-Konstruktionen im Islamismus gerichtet ist. Die Veranstaltungen können einzeln besucht werden, sie bauen nicht aufeinander auf. (Wir beantragen Fortbildungspunkte bei der Berliner Psychotherapeut*innen-Kammer.)

Online-Veranstaltungsreihe: Wachsen – Glauben – Kämpfen
Islamistische Radikalisierung und ihre Auswirkungen auf Kinder, Jugendliche und Familien
Ein Thema für Psychotherapie und Psychiatrie

Krisenhafte Phänomene, wie die Corona-Pandemie, internationale Konflikte, der politische Wertewandel und die wachsende Polarisierung, bedrohen den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Mit unserer Arbeit sind wir Psychotherapeut*innen auch Beobachter*innen dieser Veränderungen, die sich in individuellen Lebensrealitäten und Schicksalen widerspiegeln. Die dabei erlebten Krisen wirken sich als individuelle Stressoren aus, verursachen Ungewissheit, Ängste, Gefühle von Kontrollverlust und Orientierungslosigkeit. Die Biographien unserer Patient*innen sind vielfältiger geworden und haben oftmals Brüche. Darunter sind auch Menschen, die Systemwechsel und Krieg erlebt haben, die zugewandert sind und dabei Vertreibung und Flucht durchleiden mussten. Es sind Menschen, die durch Zerstörung und Gewalt Traumata erlitten haben. All dies nimmt Einfluss darauf, wie Krisenerfahrungen verarbeitet werden und welche Ideen ein Mensch aufnimmt. Manche Menschen beginnen in solchen Zeiten, sich radikalen religiösen oder politischen Ideologien zuzuwenden und nach Gemeinschaften zu suchen, in denen sie ihr Unbehagen mit Gleichgesinnten teilen. Die Dynamik von solchen Radikalisierungsprozessen kann sich durch ganze Familien ziehen und teilweise auch durch die Biographien unserer Patient*innen.

 

17. August 2021, 20-21.30 Uhr: Zwischen Hölle und Paradies – Kind sein in radikalisierten Lebenswelten

Die Veranstaltung setzt sich mit der spezifischen Sozialisation von Kindern und Jugendlichen in ideologisch geprägten Umfeldern auseinander. Im globalen Maßstab rekrutieren oder instrumentalisieren islamistische und terroristische Gruppen immer häufiger Kinder und Jugendliche für ihre Ideologie. Nicht selten wachsen Kinder bereits in radikalisierten Familien auf – mit Vätern, die am bewaffneten Kampf teilnehmen – oder werden in Trainingslagern auf den zukünftigen Dschihad vorbereitet. Besonders Kinder, die in Syrien den Bürgerkrieg erlebt haben und (in naher Zukunft) nach Deutschland zurückkehren, standen und stehen unter dem Einfluss derartiger Gewalt. Ideologien und Traumata haben ihre Lebenswelten erschüttert. Welche Problemstellungen sind bei Kindern aus solchen Umfeldern zu beobachten? Wie kann man sich ihren Realitäten annähern? Welche Möglichkeiten gibt es, Kindern aus radikalisierten Kontexten zu helfen?

 

7. September 2021, 20-21.30 Uhr: Wir hören und wir gehorchen.“ – Über Spiritualität und religiöse Dogmen im Salafismus

In unserer zweiten Veranstaltung beschäftigen wir uns mit Fragen nach der Rolle von Spiritualität und religiösen Dogmen in der salafistischen Szene. Der Lebensalltag wird dort umfassend den fundamentalistischen Regeln, Praktiken und Deutungskategorien unterworfen. Paradoxerweise wirken sich diese nicht immer kontraproduktiv aus. Das strikte Verbot von Drogenmissbrauch kann beispielsweise dazu führen, dass Anhänger*innen des Salafismus sich durch die neue Spiritualität aus einer vorhandenen Abhängigkeit lösen. Allerdings resultieren aus religiösen Deutungsmustern auch Herausforderungen, mit denen Psychotherapeut*innen konfrontiert werden können. Wie geht man damit um, wenn Patient*innen Probleme religiös zu deuten versuchen? Welche Narrative sind dabei häufig anzutreffen? Und welche Rollen können Psychotherapeut*innen gegenüber betroffenen Patient*innen einnehmen?

 

26. Oktober 2021, 20-21.30 Uhr: „Bruder, sei ein Löwe!“ – Über Gender- konstruktionen in der salafistischen Szene

In dieser Veranstaltung setzen wir uns mit den traditionellen Rollenbildern im Salafismus auseinander. Es geht um das religiös begründete Verständnis der Rollen von Männern und Frauen, das sich gegen moderne Geschlechtervorstellungen richtet. Aus diesem Rollenverständnis heraus bilden sich Szenen bis hin zu Parallelgesellschaften, die ein System von Selbstkontrolle und Überwachung etablieren, in dem es nur wenige Spielräume für individuelle Entfaltungsmöglichkeiten gibt. Weibliche Emanzipation wird von Salafist*innen als Bedrohung wahrgenommen, als Zeichen einer verkommenen und sexualisierten Gesellschaft. Doch es gibt auch Nuancen. Wie ist die Rückbesinnung auf tradierte Rollenbilder zu deuten? Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für die psychotherapeutische Praxis?

Veranstaltungsflyer downloaden

Anmeldung per Mail an heinrich.vogel@violence-prevention-network.de.

Vorankündigung: Wir führen voraussichtlich am 28. September 2021 eine Dialogveranstaltung mit der Landeskommission Berlin gegen Gewalt mit dem Titel: „Psychische Gesundheit im Kontext von Radikalisierung und extremistischer Gewalt – Braucht Berlin ein darauf ausgerichtetes psychotherapeutisches Netzwerk?” durch. Melden Sie sich auch hierfür per Mail an heinrich.vogel@violence-prevention-network.de an. Weitere Informationen dazu finden Sie in Kürze hier.

Kontakt

Violence Prevention Network gGmbH
Alt-Reinickendorf 25
13407 Berlin

030 917 05 464
TRIAS Berlin – Online-Veranstaltungsreihe
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Das Projekt TRIAS Berlin wird gefördert durch die Landeskommission Berlin gegen Gewalt im Rahmen des Berliner Landesprogramms Radikalisierungsprävention. Das Teilprojekt TRIAS Community wird gefördert durch das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat.