Rechtsextremismus

Rechtsextremismus 2.0 – Nicht mehr die „üblichen Verdächtigen“

Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel – wer heute beim Thema Rechtsextremismus noch den frustrierten, (ost-)deutschen Jugendlichen vor Augen hat, übersieht die Vielfalt des Phänomens. Die wachsende Popularität rechtspopulistischer Bewegungen und Parteien hat das Gesicht des Rechtsextremismus nachhaltig verändert. Dem altbekannten, organisierten Neonazismus ist es gelungen, seinen Bedeutungsverlust mit einer strategischen Neuausrichtung zu kontern.

So gelang es z. B. der so genannten „Identitären Bewegung“ mit ihren neuen Aktions- und Erscheinungsformen ihre Attraktivität v. a. unter Jugendlichen zu steigern. Dass der Aufwind des Rechtspopulismus, insbesondere die Wahlerfolge der rechtspopulistischen Parteien, mit dem Anstieg rechtsextremer Personenpotentiale korrespondiert, belegen Einschätzungen der Sicherheitsbehörden, denen zufolge die Zahl gewaltbereiter Rechtsextremist*innen im Ansteigen begriffen ist.

Bestärkt durch die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung – „Einwanderungsbefürworter“ versus „Einwanderungsgegner“ -, verzeichnen sie einen enormen Zuwachs an fremdenfeindlich motivierter Gewalt (vor allem im Umfeld von Unterkünften für Geflüchtete), deren Täter*innen sich nicht mehr aus dem Umfeld des (organisierten) Rechtsextremismus rekrutieren.

In einem Interview gegenüber dem Tagesspiegel (2016) spricht BKA-Chef Holger Münch gar von „rund drei Viertel“ der ermittelten Verdächtigen bei Angriffen auf Unterkünfte von Geflüchteten, die zuvor nicht als Extremist*innen bekannt waren.

Rechtsextremismus
© Fotolia.com/Peter Atkins

Rekrutierung über Social Media und Beziehungsangebote

Nicht nur mit der zunehmenden gesellschaftlichen Durchdringung durch rechtspopulistisches/ feindbildorientiertes Denken wächst auch die Gefahr der Radikalisierung junger Menschen massiv. Gleichzeitig beschleunigt sich der Wandel von Zugangs- und Rekrutierungswegen der extremistischen Szenen. Mit den neuen Medien sinkt die Zugangsschwelle sowohl zu ideologisierten Haltungen als auch zu radikalisierten Gruppen und Szenen.

Präventions- und Deradikalisierungsmaßnahmen, die sich auf Bildungsangebote und Konfrontation mit Gegenargumenten beschränken, unterschätzen vollkommen das Beziehungsangebot, das Extremist*innen (jungen) Menschen auf der Suche nach Orientierung und Zugehörigkeit machen. Wer für den Extremismus rekrutiert, weiß, dass es um die Beziehungsebene geht und versucht, den online initiierten Kontakt möglichst zeitnah in eine echte zwischenmenschliche Beziehung zu überführen, um die Zielperson über den persönlichen Kontakt an die radikalisierte Gruppe zu binden.

Was extremistische Strömungen unterschiedlicher Couleur eint

Bei aller Unterschiedlichkeit der beiden extremistischen Strömungen – Rechtsextremismus als auch religiös begründeter Extremismus – ist es nötig, die Dynamik zu erkennen, die hinter dem Vormarsch beider Strömungen wirkt. Beide Gruppierungen spielen sich gegenseitig sehr stark in die Hände, weil sie am selben Drehbuch schreiben. Beide versuchen, die Gesellschaft zu spalten und zu polarisieren, um Menschen aus der Mitte auf ihre Seite zu ziehen. Mit der Zunahme religiös motivierter extremistischer Anschläge steigt auch die Fokussierung des rechtsextremen Milieus auf ein Feindbild: die Muslime. Die Dynamik, die sowohl rechtsextremistischen Strömungen Zulauf verschafft als auch das religiös motivierte extremistische („islamistische“) Lager stärkt, speist sich aus der gegenseitigen Instrumentalisierung als Feind. Und damit steigt auch das Mobilisierungspotenzial auf beiden Seiten. Jeder terroristische Anschlag, der sich den „Dschihadisten“ zuschreiben lässt, verschafft dem Rechtsextremismus neuen Zulauf. Gleiches gilt auch umgekehrt. Jeder Anschlag auf eine Moschee, der die Handschrift rechtsextremer Hasskriminalität trägt, stärkt das Mobilisierungspotenzial islamistischer Gruppierungen.

Der Weg in den Extremismus ist nicht zwangsläufig

Tatsächlich ist es bei radikalisierungsgefährdeten (jungen) Menschen oft eine Frage der Szene, in der sie sich bewegen, und der Menschen, an die sie geraten, ob es zu einer Verfestigung extremistischer Positionen kommt. Menschen, die noch nicht über ein verfestigtes ideologisches Weltbild verfügen, sind zugänglich – und zwar für beide Seiten. Dann ist es von existenzieller Bedeutung, auf wen sie in ihrer Suche nach Orientierung treffen: auf diejenigen, die ihnen genau eine Antwort, eine Wahrheit, ein Weltbild vermitteln – oder auf Menschen, die sie zum Hinterfragen vermeintlicher Wahrheiten anregen und ihnen die Möglichkeit und Berechtigung anderer Sichtweisen aufzeigen. Wer die Vielfalt möglicher Weltsichten, Glaubensbekenntnisse und Haltungen anzuerkennen bereit ist, wird sich perspektivisch aus eigenem Antrieb von einem auf Feindbilder und Schuldige reduzierten Weltbild distanzieren. Um einen solchen Distanzierungsprozess einzuleiten und Menschen den Weg aus der Gefährdungszone zu weisen, bedarf es einer qualifizierten Begleitung.