Liebe oder Ehre?

Für Sidar ganz klar eine Frage der Ehre.
Postkartenmotiv Pärchen, Liebe oder Ehre

Und wenn die Ehre Opfer verlangt, dann bringt Sidar die. Auch, wenn er dafür im Gefängnis landet. Im Gefängnis hat Sidar an einem Training von Violence Prevention Network teilgenommen. Danach hat er selbst eine Trainerausbildung gemacht und einige Zeit als Co-Trainer gearbeitet. Heute lebt er mit seiner Frau in Bielefeld und betreibt eine Eisdiele.

Heute würde ich nachdenken

In der Schule habe ich viele Probleme gehabt, weil ich die Sprache nicht sprechen konnte. Da fing das auch an, wenn ich die Sprache lernen wollte und die Schüler haben mich ausgelacht, habe ich die verprügelt, weil ich das nicht anders konnte. Ich hab‘ für Sachen, die ich falsch gemacht habe, Schläge bekommen und hab‘ das auch so weitergegeben. In der Schule wurde es dann extrem. Da hab ich nur noch geschlagen. Dann kam ich in eine andere Schule und da waren viele Ausländer. Da bin ich klargekommen. Viele Ausländer, wenig Deutsche. Waren zwar Deutsche da, aber die waren halt auch mehr so wie Ausländer – Schläger. Man hat Türken, man hat Kurden, man hat Libanesen, man hat Albaner, man hat Russen. Vieles baut man sich da selber. Man baut sich das mit Freunden. Diese Gedanken, dieser Stolz, diese Ehre. Man ist mit der Gruppe unterwegs und man will auch zu dieser Gruppe gehören. Man fühlt sich wohl da. Man hat ja niemanden. Quasi wie Familie.

Draußen hat man die Freunde. Und man will die auch nicht verlieren. Dafür macht man viel. Wenn die Mist bauen, baut man mit. Wenn die schlagen, schlägt man mit. Wenn die klauen, bin ich mitgegangen. Egal, was die Gruppe gemacht hat, hab‘ ich mitgemacht, damit ich halt nicht ausgegrenzt werde. Und so mit der Zeit bleibt man halt irgendwie hängen, wie man das so sagt. Man bleibt mit diesen Gedanken, mit diesen Aggressionen, mit diesem Umgang mit Menschen hängen. Und wenn keiner das bemerkt und keiner was dagegen unternimmt…

Die Familie kann nichts machen. Was sollte meine Mutter machen? Mein Vater war mehr mit anderen Sachen beschäftigt. Und so bin ich groß geworden. Gott sei Dank hab ich das nie erleben müssen – und da bin ich sehr dankbar für, dass nichts passiert ist. Weil dann hätte ich auf jeden Fall falsch gehandelt. Dann hätte ich sehr falsch gehandelt. Dann hätte ich auch mein Leben, das Leben meiner Familie zerstört. Komplett zerstört. Heute würde ich überlegen, reden, warum, weswegen. Damals hatte ich einen einzigen Gedanken…
Irgendwie bin ich dann hier gelandet. Es hat gedauert, aber ich bin hier gelandet. Ich habe 27 Monate bekommen und wo ich dann hier drinnen war, war bei mir Stopp. Da hab‘ ich dann überlegt, welchen Weg gehst du? Und dann bin ich den Weg gegangen, den ich heute noch gehe. Ich hab‘ dann Thomas* und Willi* kennengelernt. Und hab‘ auch diesen Kurs mitgemacht. Und ich bin in den offenen Vollzug gekommen. Vom offenen Vollzug wurde ich dann entlassen. Natürlich, ich kann nicht sagen, ich bin topp, ich bin 100%ig geheilt, nein, aber ich kann das kontrollieren.

Vor ein paar Jahren oder bevor ich ins Gefängnis kam, da hätten wir uns kaputt geschlagen.

Beispiel: Letztens hab‘ ich das gehabt. Jemand guckte mich schief an, ich hab‘ geguckt. Ich habe überlegt und er fragt, warum guckst du so? Sag ich, „ich kenne dich“. „Ich kenne dich nicht“, sagt er und ist weitergegangen. Weißt du, was ich meine? Ich kann das kontrollieren. Ich gehe nicht auf ihn ein. Ich sag‘ was ganz anderes, wo er gar nicht mit rechnet. Vor ein paar Jahren oder bevor ich ins Gefängnis kam, da hätten wir uns kaputt geschlagen. „Warum guckst du? – Warum guckst du?“ und schon geht das los. Heute kann ich das kontrollieren. Ich überlege, ich denke nach. Bevor ich etwas mache, denke ich nach. Ich hab‘ schon gewusst, in der Situation, wenn ich noch ein falsches Wort sage, dann passiert was. Was ich dann gemacht hätte? Ehrlich gesagt? Ich gehe. Und wenn ich in einen Laden reingehe und mir Hilfe hole.

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