In meiner Klasse treffen drei Religionen und fünf Kulturen aufeinander

Wer kann da vermitteln?

Wenn ich das Klassenbuch aufmache und die Anwesenheit überprüfe, indem ich die Namen vorlese, Tamer, Büşra, Raed, Piotr, Ömer, Tarek, Berrin, dann hören Sie vor allem erstmal eines. Dass ich keine Schüler in meiner Klasse habe, die keinen Migrationshintergrund haben. Was Sie aber nicht heraushören können, ist, dass das den Unterricht völlig unmöglich macht. Was Sie nicht heraushören, ist, dass ich schon froh sein kann, wenn in einer Unterrichtsstunde keiner rausrennt, weil er sich von einer Frau nichts sagen lässt, weil er sich von einer Christin nichts sagen lässt, weil er beten muss oder, weil er sich mit keinem Juden in einem Raum aufhalten kann. Wussten Sie, dass „Jude“ das häufigste Schimpfwort an Berliner Schulen ist?

© Violence Prevention Network/Yasemin Özdemir

In meiner 10 c im Wedding hat die Hälfte arabische Wurzeln, die andere türkische, aber damit hört´s ja nicht auf, das unterteilt sich ja weiter, von den einen sind sechs Palästinenser, unter den anderen drei Kurden, manche sind Muslime, ein paar Mädchen tragen Kopftuch, einige gehörten in ihrer Heimat einer verfolgten Minderheit an und dann haben wir noch einen Quoten-Katholiken mit polnischen Eltern.

Ich bin da vollständig überfordert. Ich bin Deutsch- und Englischlehrerin, keine Sozialpädagogin.

Mit dem Islam an sich habe ich kein Problem. Natürlich irritiert es mich manchmal zu sehen, wie die Mädchen von einem Tag auf den anderen anfangen, ein Kopftuch zu tragen. Natürlich irritiert es mich, zu sehen, wie sie dafür von nicht-muslimischen Mitschülern beschimpft und ausgegrenzt werden. Extreme Schwierigkeiten habe ich aber auch mit Respektlosigkeit. Wissen Sie, wie sich das anfühlt, wenn Sie von Fünfzehn-, Sechzehnjährigen abfällig gemustert werden und sich morgens vor dem Kleiderschrank dabei erwischen, dass Sie sich tatsächlich darüber Gedanken machen, ob Sie einen kniefreien Rock anziehen oder nicht? Ab einem gewissen Alter kann man regelrecht zuschauen, wie da ein extremes Bekenntnis zum Islam einhergeht mit dem kompletten Verlust meiner Autorität. „Noch musst du als Ungläubige keine Angst haben. In einem islamischen Staat wäre das allerdings anders.“ Solche Sprüche gehören zu meinem Alltag. Ich bin da vollständig überfordert. Ich bin Deutsch- und Englischlehrerin, keine Sozialpädagogin.

Können Sie mir verraten, wie ich da Unterricht abhalten soll, wenn eine Gruppe von fünf Jungs mitten in der Stunde geschlossen aus dem Klassenzimmer marschiert, weil sie angeblich beten müssen? Das kann ich doch nicht durchgehen lassen, wo soll denn das hinführen? Da verliere ich doch auch den Respekt aller anderen, und das ist ja noch lange nicht der einzige Konflikt. Als Lehrerin sitze ich mit so einer Klassenzusammensetzung auf einem Pulverfass und es ist nur eine Frage der Zeit, bis das explodiert.

Wo verunsicherte junge Menschen zur Selbstaufwertung mit der Abwertung anderer reagieren, wo Halbwissen, religiöser Analphabetismus, Unterstellungen und Vorurteile deutsche Schulen beherrschen und wo die Vorstellung vom Pulverfass jederzeit zur selbst erfüllenden Prophezeiung werden kann, ist ein Perspektivwechsel nötig.