Einsperren und den Schlüssel wegwerfen kann nicht die Lösung sein

Was im Strafvollzug möglich ist.

Sami verschränkt die Hände hinter dem Rücken und starrt auf den Boden. Seinem Gegenüber schaut er nicht ins Gesicht. Sami ist überzeugt, ein Opfer zu sein. Ein Opfer des Staates, ein Opfer des Systems, ein Opfer der Mehrheitsgesellschaft. Seit ein paar Monaten ist Sami Insasse einer hessischen Haftanstalt. Und Sami ist Muslim. Dass er nicht etwa wegen seines Glaubens, sondern wegen einer schweren Gewalttat inhaftiert ist, versucht er auszublenden. Von nicht-muslimischen Häftlingen und Justizvollzugsbediensteten hält er sich fern. Seit ein paar Wochen hat er Anschluss an eine Gruppe Glaubensbrüder gefunden. Seitdem ist nicht nur sein Glaube an den wahren Islam gewachsen, sondern auch sein Glaube daran, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft Muslime systematisch verfolgt. Und dass er sich dagegen wehren muss.

© Violence Prevention Network/Klages

Als Sami noch mit seiner Gang durch Offenbach gezogen ist, hat ihm der Islam herzlich wenig bedeutet.

Als Sami noch mit seiner Gang durch Offenbach gezogen ist, hat ihm der Islam herzlich wenig bedeutet. Einer wie Sami hat keine Moschee je von innen gesehen, noch hat er regelmäßig gebetet. Aber jetzt trennen ihn ein vergittertes Fenster und fette Mauern von seinem alten Leben. Jetzt sitzt er frustriert in seiner Zelle, trommelt mit den Fingerknöcheln auf die Tischplatte und sucht nach einem Schuldigen für seine Situation. Im reglementierten, grauen Knastalltag ist er empfänglich für diejenigen, die ihm erzählen, dass der Westen Krieg gegen den Islam führe. “Du bist hier, weil dich der Staat bestrafen wollte. Aber strafen kann nur Gott. Allein auf seine Gesetze musst du hören.” Allah hin oder her, solche Sätze kommen Sami entgegen: er kann sich weiter als Opfer darstellen, man bietet ihm eine Gemeinschaft Gleichgesinnter und mit im Paket: die Option auf Abenteuer und Heldentum – der Märtyrertod im Dschihad.

Mehr als 12.000 Muslime sitzen in Deutschlands Gefängnissen. Sie stellen fast 20 Prozent der Häftlinge. Sami ist einer von ihnen. Mit welcher Überzeugung Sami bei seiner Entlassung die Gefängnismauern hinter sich lässt, hängt davon ab, wer sich seiner in den kommenden Monaten annimmt. Diejenigen, die seinen Frust, seine Wut und Ablehnung instrumentalisieren – längst gehört der deutsche Strafvollzug zum Rekrutierungsgebiet radikaler Salafisten. Oder aber Menschen, von denen sich Sami zum Nachdenken bringen lässt. Menschen, die behutsam Denkprozesse in Gang setzen, indem sie die richtigen Fragen stellen. Fragen, die es einem wie Sami ermöglichen, über Widersprüche zu stolpern und sich auf andere Deutungsmöglichkeiten einzulassen. Menschen, an die er sich in Glaubensfragen wenden kann, ohne das Gefühl zu haben, dass sie ihm seinen Glauben nehmen wollen. Menschen, die es Sami ermöglichen, das Gefängnis zu verlassen, ohne seinen Glauben als Verpflichtung zum Kampf gegen den deutschen Staat zu verstehen. Angesichts der Tatsache, dass radikalisierte Straftäter*innen im deutschen Strafvollzug inhaftiert sind, führt kein Weg daran vorbei, sich mit den Tätern und Täterinnen und dem, was in ihren Köpfen vor sich geht, auseinanderzusetzen. Und zwar während ihrer Haftzeit. Damit sie es nicht wieder mit nach draußen tragen.