Mein Sohn googelt Dschihad

Wer hilft mir, das einzuschätzen?

Heute Nachmittag war das, ich hab‘ ihm seine frische Wäsche ins Zimmer gebracht, er war gerade im Bad, sein Rechner war an und vom Bildschirm aus da starrt mich dieser bärtige Typ an, beide Arme über den Kopf gestreckt und was er in den Händen hält, ist ein Maschinengewehr, da gehen bei mir natürlich die Alarmglocken an.

© iStock/Tommaso Altamura

Man hört so viel, glauben Sie, ich hab‘ das nicht mitgekriegt, all die jungen Männer, die nach Syrien ausreisen, um da irgendeinen heiligen Krieg zu kämpfen? Ich habe irrsinnige Angst, ich will mein Kind nicht verlieren, aber ich weiß überhaupt nicht, was ich tun kann, er ist volljährig, was soll ich machen? Groß über Probleme reden ist bei Jungs ja eh nicht so angesagt und mit mir als Mutter doch schon gar nicht. Was sollte ich auch misstrauisch werden, natürlich lief da immer irgendwas, wenn ich an seinem Zimmer vorbeigekommen bin, die sind doch heutzutage nur noch auf ihren Handys am Chatten oder auf YouTube unterwegs. Natürlich hab´ ich gemerkt, dass er immer abweisender geworden ist. Irgendwann hab‘ ich ihn gefragt, warum der Mischa, das ist sein bester Kumpel, schon so lange nicht mehr bei uns war. Da hat er mich angefahren, „So einer kann nicht mehr mein Freund sein. Aber das verstehst du nicht.“ Das kommt jetzt natürlich alles hoch. Dass das gar keine Musik war, die ich durch seine Zimmertür gehört habe, sondern so merkwürdig monotone Gesänge und aufgebrachtes Reden. Dass er nicht mehr zum Training gegangen ist, sich eingeschlossen hat. Und jetzt dieses Bild, dieser furchtbare Bärtige…

Plötzlich steht er hinter mir, packt mich an der Schulter und reißt mich von seinem Rechner weg.

Mich hat die Panik gepackt und als ich mich durch die offenen Tabs klicke und gucke, was er noch für Seiten offen hat, sehe ich auf Google seitenweise Suchergebnisse zu Dschihad. – Plötzlich steht er hinter mir, packt mich an der Schulter und reißt mich von seinem Rechner weg. „Das verstehst du nicht. Für mich ist das hier nicht mehr mein Zuhause.“ Und dann schnappt er seine Sporttasche und ich höre nur noch die Wohnungstür zuschlagen. Zum Training ist er nicht, denn sein Basketballzeug liegt auf dem Bett. Diese Geschichte hat einen offenen Ausgang. Vielleicht ist der Sohn noch zu erreichen und er lässt sich auf uns ein. Dann können wir mit ihm arbeiten, über seine Zweifel, seine Zugehörigkeit sprechen und über seine Vorstellung davon, was der Islam bedeutet und von ihm fordert. Vielleicht ist der Sohn ausgereist und wir können die Familie unterstützen. Oder er hat sich einer Gruppierung im Inland angeschlossen. Und wir können das Gespräch mit ihm suchen und ihm helfen, das geschlossene Weltbild, das ihm vermittelt wurde, Stück für Stück zu hinterfragen, in größere Zusammenhänge einzuordnen und Sachverhalte richtig zu stellen.