Menschen und Geschichten

„Das System ist ja gegen uns.“

2015. Maik ist 17 und lebt in Dörrwalde, einem 175-Seelen-Nest in der Oberlausitz. Los ist da nicht mehr viel. Der nächste Jugendklub ist in Großräschen, aber der letzte Bus fährt um 16 Uhr und samstags gar nicht. Maik hat Maler gelernt, Arbeit hat er keine. Statt im Sportverein zu kicken, hängt er an der Bushaltestelle ab und starrt auf den verödeten Tagebau, in dem sein Vater zu DDR-Zeiten gearbeitet hat. Spätestens nach dem vierten Bier darf Maik sich anhören, dass damals wenigstens noch Zusammenhalt geherrscht hat und man füreinander da war.

© Violence Prevention Network/Klages

Die Kumpels, mit denen Maik abhängt, jammern auch bloß rum, dass sich was ändern muss. Aber es passiert nichts. Bis einer kommt, der was passieren lässt. Micha. Der ganz klar sagt, was Sache ist, und wer schuld an der Misere ist. Und der für seine Überzeugung Opfer bringt. Eins davon hat sich gewehrt, deswegen saß Micha drei Jahre im Knast. „Aber det System mit seiner Schweinejustiz kann uns nich brechen, genauso wenig, wie se Dir ne Perspektive bieten!“ Micha sieht, was in Maik steckt. „Mensch, Du bist doch helle im Kopp, siehste denn nich, was in diesem Land abgeht? Det musste Dir nich gefallen lassen – Leute wie Dich könn´ wa jut gebrauchen!“

 

Man muss Zeichen setzen, findet Micha. Die Bushaltestelle wird zur national befreiten Zone von Dörrwalde. Von Maik persönlich befreit. Micha ist stolz auf ihn. Micha besorgt ihm Arbeit.  Ein paar Tage später sagt Micha, Dörrwalde ist erst der Anfang und heute Abend ist die Dönerbude fällig. Da hat Maik nicht lange gefackelt. „Nach 20 Minuten stand det Ding in Flammen, det war´n Fest!“

 

Das Fest ist vorbei und Maik hat jetzt viel Zeit zum Nachdenken. Wegen Brandstiftung, Körperverletzung und Volksverhetzung hat er drei Jahre bekommen. Aber Micha lässt ihn nicht im Stich. „Bist doch einer von uns.“, schreibt er, während Maik durch das Zellengitter die ersten Krokusse durch den Schnee brechen sieht. Der Schnee taut, der Frühling kommt und geht, die Briefe bleiben aus. „Micha braucht Jungs, die´s bringen, nicht solche Loser wie Dich!“, erfährt er hintenherum.

Siehste, kannst Dich auf kein´n verlassen in dieser Welt!

„Siehste, kannst Dich auf kein´n verlassen in dieser Welt!“, Maiks Mutter haut auf den Tisch im Besucherraum. „Guck mich an, rausgeschmissen ham´se mich, jetzt sitzt da so `ne Fidschi-Fotze an der Kasse.“  Sie hat schon wieder eine Fahne. Genau zwei Mal besucht sie ihn in der ganzen Zeit. Sonst niemand. In ein paar Monaten wird Maik entlassen – und mit ihm sein Hass und seine Überzeugung, wer an allem schuld ist. Deutschland. Das Schweinesystem. Die Ausländer. Der Islam. Die Flüchtlinge.

Mit welchem Motiv Maik in sechs Monaten wieder in die Gesellschaft entlassen wird, hängt davon ab, ob sich im Gefängnis jemand mit ihm und seiner Tat auseinandersetzt. An den er sich erinnert, wenn er das nächste Mal das Feuerzeug in der Hand hält.