Deradikalisierung

Wo Radikalisierungsprozesse so weit fortgeschritten sind, dass das Risiko der Selbst- und Fremdgefährdung besteht (oder bereits eingetreten ist), bedarf es professioneller Deradikalisierungs- bzw. Ausstiegsbegleitung. Wer den Prozess der Radikalisierung bis zu diesem Punkt durchlaufen hat, bedarf der spezifischen Ansprache. Radikalisierte Menschen sind geprägt von einem tiefen Misstrauen gegenüber (staatlichen) Institutionen und Repräsentanten der Mehrheitsgesellschaft. Insofern besteht die maßgebliche, oft unterschätzte Herausforderung nicht in der unmittelbaren ideologischen Auseinandersetzung, sondern in der Kontaktaufnahme.

Menschen, deren Radikalisierung – unabhängig von der ideologischen Ausrichtung – explizit auf ihrer Ablehnung des „Systems“ basiert, erfordern einen spezifischen Zugang, um sich überhaupt auf die Auseinandersetzung einzulassen. Eine auf Konfrontation und argumentative Widerlegung angelegte Strategie unter Vernachlässigung biographischer Faktoren, die diesen Beziehungsfaktor vernachlässigt, wirkt hier kontraproduktiv.

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Unabhängig von der ideologischen Ausrichtung – ob rechtsextrem oder religiös begründeter Extremismus –, ist die Herstellung einer belastbaren Arbeits- und Vertrauensbeziehung unabdingbare Grundvoraussetzung für jeden Deradikalisierungs- und Distanzierungsprozess. Seit 2011 arbeitet Violence Prevention Network im Auftrag der Sicherheitsbehörden mit inhaftierten Straftätern aus dem terroristischen Umfeld im Erwachsenenvollzug.

2014 wurde diese Arbeit systematisch auf Hochradikalisierte aus dem islamistischen Spektrum und Syrienrückkehrer*innen ausgeweitet. In Anerkennung geschlechtsspezifischer Rollen und Strukturen in Radikalisierungsprozessen sind seit einigen Jahren auch Frauen und Mädchen Bestandteil der Zielgruppe. Neben der direkten Arbeit mit den Radikalisierten werden gezielt auch die Eltern der Radikalisierten beraten und in die Deradikalisierungsarbeit einbezogen.

Violence Prevention Network betreibt ein bundesweites Netz von Beratungsstellen und Hotlines, an die sich radikalisierungsgefährdete und ausstiegswillige Menschen, Rückkehrer*innen und deren Angehörige wenden können.